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Die Woldenhorn-Schule hat auch in diesem Jahr am Gang des Erinnerns teilgenommen und den Stein von Anneliese in der Ernst-Ziese-Straße gereinigt und geschmückt.

   

Alle Angaben ohne Gewähr.

Beitrag der Woldenhorn-Schule zum Gang des Erinnerns und der Ermutigung am 10.11.25 in Ahrensburg
Redebeitrag 1
Wir stehen heute hier als multiprofessionelles Team aus drei Menschen, die an der
Woldenhorn-Schule arbeiten – an einem Ort, der weit mehr ist als ein Lernort.
Unsere Schule ist ein Lebens- und Begegnungsort für Kinder und Jugendliche mit
Behinderung – ein Ort, an dem Gemeinschaft, Entwicklung und Teilhabe gelebt werden.
Wenn wir an Anneliese Oelte denken, dann denken wir an ein Kind, dem all das verwehrt
blieb.
Ein Mädchen, das in einer Zeit lebte, in der Menschen mit Behinderung nicht zur Schule
gehen durften – in der man ihnen Bildung, Würde und Zukunft nahm.
Heute, 50 Jahre nach der Gründung der Woldenhornschule, feiern wir, dass jedes Kind ein
Recht auf Bildung hat – ein Recht, das erkämpft wurde.
Als unsere Schule in den 1970er-Jahren gegründet wurde, gab es elf Klassen mit 89
Schüler:innen – heute lernen bei uns fast 200 Kinder und Jugendliche.
Wir sind dankbar, dass Kinder wie Anneliese heute lernen, leben und lachen dürfen – und
dass wir sie dabei begleiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Erinnern heißt Verantwortung übernehmen- nicht für die Taten damals, sondern für das
Zusammenleben im Heute und Morgen.


Redebeitrag 2
Wer bin ich? Warum war mein Leben nur so kurz und so beschwerlich? Und wie würde es
mir gehen, wäre ich nicht in der Zeit geboren, in der Menschen unsere Welt regierten, die
in menschenwürdiges und unwürdiges Leben unterschieden haben?
Ich bin Anneliese. Geboren 1934 hier in Ahrensburg. Bereits als Baby erkrankte ich an
Kinderlähmung. Leider entwickelte ich mich aufgrund meiner Erkrankung auch geistig
nicht so, wie es der Norm entsprach.
Mit nur zwei Jahren wurde ich das erste Mal von meinen Eltern getrennt. Ich kamen die
Alsterdorfer Anstalten nach Hamburg. Von dort durfte ich wieder zu meinen Eltern nach
Ahrensburg. Aber leider wurde ich schnell wieder von Ihnen getrennt und musste nach
Bad Oldesloe ins Kinderheim.
Ich habe meine Eltern so vermisst und hätte mir ein Zuhause wie es jedes Kind hat
gewünscht. Ich lebte nur eine kurze Zeit im Kinderheim und kam als ich gerade mal vier
Jahre alt war, wieder zurück in die Alsterdorfer Anstalten.
Dort wohnte ich dann einige Jahre und sah meine Eltern fast nie. Obwohl ich als
bindungsunfähig diagnostiziert wurde, vermisse ich meine Familie, meine Eltern, meine
Alle Angaben ohne Gewähr. Es gibt über das Leben von Anneliese unterschiedliche Angaben. Wir haben nach bestem Gewissen unsere Beiträge erstellt.
Geschwister unter das Gefühl geliebt zu werden, so wie ich bin.
Als ich neun Jahre alt war, wurde ich zusammen mit 300 anderen Mädchen und Frauen
aus Hamburger Einrichtungen nach Wien in den Steinhof gebracht.
Ich dachte, der Steinhof könnte nun endlich mein neues zu Hause werden.
Da wusste ich ja auch noch nicht, dass der Steinhof eine Heil und Pflegeanstalt war, aus
der man lebend nicht wieder rauskam.
Ich durfte gerade noch meinen elften Geburtstag erleben und verstarb kurz danach an den
Folgen meiner Unterernährung und Verwahrlosung. Zum Zeitpunkt meines Todes wog ich
nur noch 17 kg und war eine Hülle ohne emotionalen Inhalt.
Ich hätte mir so sehr ein lebenswertes Leben gewünscht.
Meine Eltern haben erst zwei Jahre nach meinem Tod erfahren, dass ich verstorben bin.
Und das auch nur, weil mein Vater sich auf die Suche nach mir gemacht hatte.


Redebeitrag 3
Das Leben von Anneliese war kurz – zu kurz.
Chancen wurden ihr genommen. Ihr Leben wurde ihr genommen.
Sie lebte in einer Zeit, in der Kinder und Menschen mit Behinderung kein Recht auf
Selbstbestimmung, Bildung – und in vielen Fällen nicht einmal auf Leben – hatten.
Im Kontrast dazu stehen unsere Schülerinnen und Schüler heute.
Der Streit mit der Mutter um das Frühstück am Morgen.
Das fünfte Mal geweckt werden vom Papa, weil es nun wirklich Zeit ist, aufzustehen.
All das, was uns so selbstverständlich erscheint – für Anneliese war es nie möglich.
Fragt man unsere Schülerinnen und Schüler, was ihnen an der Schule gefällt, hört man
Antworten wie:
– „Mit dem Bus fahren!“
– „Das Schwimmbad und der Dachgarten!“
– „Mit den Rollern und Fahrzeugen fahren!“
– „Meine Freunde treffen und spielen!“
– „Der Sportunterricht.“
– „Ich kann lesen lernen!“
Heute stehen wir hier, um an ein Mädchen zu erinnern, das stellvertretend für viele Kinder
steht – Kinder, die nie die Chance hatten, einfach Kinder zu sein.
Die nie erwachsen werden durften.
Die nie ihre Talente entfalten oder ihre Vorlieben entdecken konnten.
Nichts in der Bildung ist perfekt. Aber wir möchten gemeinsam dazu ermutigen, auf die
kleinen, oft unscheinbaren Dinge zu schauen – und sie zu schätzen.
Für Anneliese.
Für alle, die nicht die gleichen Chancen hatten.
Und für uns, die wir heute daran erinnert werden, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist.


Alle Angaben ohne Gewähr. Es gibt über das Leben von Anneliese unterschiedliche Angaben. Wir haben nach bestem Gewissen unsere Beiträge erstellt.


Danke.